Sibylle Hämmerli

Fotografie                     Therapie & Beratung

Mai 2019

Selbständigkeit – Fluch oder Segen?

Als ich noch Angestellte war, habe ich mich nie als Selbständigerwerbende gesehen. Seit ich selbständig bin, kann ich es mir nicht mehr vorstellen angestellt zu sein. 

Worin besteht der Unterschied? Welche Ängste hindern viele Angestellte sich selbständig zu machen, obwohl sie unglücklich sind mit ihrer Arbeit, ihrem Chef, ihrem Leben?

Als Sachbearbeiterin hatte ich keine Vorstellung, was es bedeuten könnte selbständig zu sein. Ich hatte nur den ganzen administrativen Aufwand vor Augen und hatte Angst vor dem Wort Selbständigkeit. Irgendwie war da zu viel selbst und ständig drin. Und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, womit ich mein eigenes Geld verdienen könnte. Bis ich vor ein paar Jahren immer mehr in die Selbständigkeit hineingerutscht bin und sie mittlerweile nicht mehr missen möchte. Denn rückblickend sehe ich ganz klar, wie sehr sie mich und meine Umwelt geprägt und verändert hat.

Als Angestellte musste ich mich nicht um Sozialabzüge kümmern, musste keine Versicherungen abschliessen, musste keine Entscheidungen treffen was Arbeitsort und Visitenkarten angeht und hatte ein regelmässiges Einkommen. Das alles erscheint sehr bequem und sicher. Doch sind all diese Sicherheiten überhaupt real, oder beruhigen sie vielmehr unser Denken, weil wir uns nicht ständig mit uns und unseren Ängsten befassen müssen?

Denn genau diese oft ganz existenziellen Ängste beschäftigen mich als Selbständige. Reicht mein Einkommen aus? Woher kommen neue Kunden? Was passiert wenn ich krank werde? Kann ich mir unbezahlte Ferien leisten?

Genau hier begann für mich das grosse Umdenken. Ich musste lernen bewusster zu leben. Musste mich ganz klar für und gegen gewisse Dinge in meinem Leben entscheiden. Nichts war mehr selbstverständlich, denn ich konnte mir nicht mehr alles einfach so leisten. Doch genau diese Einschränkungen liessen mich aufwachen, weil ich mich bewusst für die Dinge entscheiden musste, auf die ich auf keinen Fall verzichten konnte. Ich habe mich immer wieder selbst hinterfragt und warum ich etwas tue und mit wem. Auf Vieles konnte ich plötzlich verzichten und entdeckte dafür Neues. Ich hatte keinen Grund mehr aus meinem Alltag zu fliehen, mich mit materiellen Dingen abzulenken oder mich zu verstecken. Und je mehr ich der Freude in meinem Leben folgte, desto mehr konnte ich darauf vertrauen, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und zwar so selbstbestimmt wie es in unserer Gesellschaft heute überhaupt noch möglich ist. Denn auch das musste ich erst lernen. Meine Grenzen neu zu setzen und auch dafür einzustehen. Denn so schön es sein mag, alles selber bestimmen zu dürfen, so belastend kann es manchmal auch sein. Gerade die finanzielle Unsicherheit lässt mich heute noch ins Grübeln kommen. Doch erst die Selbständigkeit machte mich zu dem, was ich heute bin.  

Ich wünsche mir von jedem von euch, dass ihr irgendwann in eurem Leben einmal den Mut findet selbständig zu arbeiten. Denn Selbständigkeit öffnet eine neue Welt. Eine Welt, voller ungeahnter Möglichkeiten und Begegnungen, mit all ihren Hochs und Tiefs. Ich sage nicht, dass es einfach ist selbständig zu sein. Ich nehme diese Herausforderung aber immer wieder gerne an, versuche an ihr zu wachsen, mich nicht unterkriegen sondern und mitreissen zu lassen von der Leidenschaft des Alltags. Denn ist es nicht der Wunsch von jedem von uns, sich selbst verwirklichen zu können, herauszufinden was man wirklich kann und möchte in seinem Leben? 

Einfach sich selbst zu sein, seine Flügel auszubreiten und vom Winde forttragen zu lassen, wo auch immer er uns hinträgt. 

Es warten noch ganz viele Visionen auf ihre Umsetzung und mindestens genau so viele Umwege die noch genommen werden wollen!

Lebt mutig! Eure Sibylle